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Dieses Thema hat 11 Antworten
und wurde 801 mal aufgerufen
 Abtrünnig und ausgestoßen - Gottes verlorene Kinder!
Admin Offline




Beiträge: 4.735

24.08.2011 13:14
Bericht eine Aussteigers! Zitat · antworten



Das war nunmehr vor 11 bis 14 Jahren. Von den insgesamt 13 Folgen fehlen mir allerdings der Einführungsbeitrag
und die beiden Folgeberichte.



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Zur freundlichen Erinnerung an die eigene Jugendzeit:
http://www.youtube.com/watch?v=woYM-UOR5w0
http://www.youtube.com/watch?v=fm72UzfrT...08414579957FC05
Zwischen diesen beiden Videos kann ich keine Brücke schlagen.
Und nun das: => http://schlabatti.bplaced.net/Erntedank2012-Schneider.mp3
Fazit: Man hat mich total verarscht.

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Beiträge: 4.735

24.08.2011 13:15
#2 RE: Bericht eine Aussteigers! Zitat · antworten

Dann ist die Kirche fertig und es ist Einweihung. Es kommen viele Leute und wir müssen rechtzeitig dort sein, um noch einen Platz zu bekommen. Es ist eine sehr schöne und große Kirche, so daß immer alle Platz haben, ohne daß extra Stühle geholt werden müsse. In der Mitte ist ein breiter Gang und links und rechts stehen Bänke. Der Altar ist viel größer als der bei Onkel Herrmann und an der Wand dahinter, in die ein rundes Fenster mit buntem Glas eingelassen ist, hängt ein großes Holzkreuz. Links vom Altar steht eine Orgel. Ich bin ganz enttäuscht, als ich sie zum ersten mal sehe, weil ich mir eine Orgel immer viel größer und mit Pfeifen vorgestellt habe. Gerlinde ist ganz aufgeregt, weil da unwahrscheinlich viele Tasten sind und statt der zwei Pedale zum Luft rein pumpen sind da noch mal viele kleine Hebel.

An diesem Tag kommt sogar der Apostel. Auch er hat einen schwarzen Anzug an und ist sehr freundlich. Meine Mutter erklärt mir, er sei der Sohn des Stammapostels, der nicht sterben wird, bevor Jesus kommt, und er käme extra zur Einweihung aus Frankfurt, was ja sehr weit weg ist. Er ist mit einem großen Auto gekommen, aber er ist nicht selbst gefahren, sondern ein anderer Mann hat ihn gefahren. Mir gefällt er ganz gut, der Apostel, er hat ein Schnauzbärtchen, was ihn irgendwie lustig erschienen läßt. Und er predigt nicht so ernst, manchmal lachen die Leute, wenn er etwas sagt, aber ich verstehe nicht immer, warum sie lachen. Er sagt auch, daß jetzt alle noch mehr Opfer bringen müssen, weil die Kirche so viel Geld gekostet hat. Ob mein Vater Geld genug hat, um noch mehr zu opfern? Meine Mutter sagt immer, daß wir wenig Geld haben und wir uns daher nicht viel kaufen können. Trotzdem werfen sie immer Geld in den Opferkasten, der gleich neben dem Eingang steht. Dann fährt der Apostel wieder weg, und die Leute sage, es war eine schöne Einweihung.

Onkel Kurt, der Diakon, kommt samstags immer Blumen holen für die Kirche. Meine Mutter hat einen großen Garten, und sie ist ganz stolz auf die vielen Blumen die da wachsen, die sie dann für Onkel Kurt und die Kirche abschneidet. Und sonntags werden die Leute sagen, was das doch für schöne Blumen sind. Einmal hat sie ihm eine Zimmertanne für in die Kirche mitgegeben, weil sie zu groß war für unseren Flur, und die Leute haben dann immer gesagt, es sei ein Zeichen für Gottes Segen, weil die Tanne so gut wächst. Jetzt steht die Zimmertanne in der neuen Kirche und meine Mutter ist ganz stolz, weil ihre Tanne ganz vorne neben dem Altar steht.

***************

Ich gehe nun in die Schule. Heinz und Bernhard, die auch neuapostolisch sind, sind in der gleichen Klasse wie ich. Mir fällt auf, daß wir uns irgendwie von den anderen unterscheiden, aber ich weiß nicht, woran das liegt. Meine Mutter hat mir immer eingeschärft, brav und folgsam zu sein und das zu tun, was die Erwachsenen, in diesem Fall die Lehrer, sagen. Doch die brüllende Meute erschreckt mich. Haben die denn keinen Respekt? Ich sitze brav in meiner Bank und bin still. Noch etwas ist anders. Ich habe in der Schule keinen Religionsunterricht wie die andern. Nicht katholisch, nicht evangelisch, halt anders. Als der Lehrer jeden nach seiner Religion fragt und ich weder das Eine noch das Andere bin, da kommen verstohlene Blicke von allen Seiten. Was ist denn das für einer, denken viele. In der Pause will es der erste wissen. "Ach so", sagt er, "Mucker", und grinst hämisch. "Mein Vater", so blökt er mich an, "hat mir gesagt, daß ihr nicht muckt, wenn man euch eine reinhaut". "Und", ergänzt er dann, "ihr haltet auch noch die andere Backe hin, ihr Mucker, zum draufhauen", und seine Augen glänzen aggressiv. Nein, stark bin ich nicht, schon gar nicht kampferprobt, und meine beiden Kumpels verstecken sich irgendwo. Dank meiner langen Arme kann ich mir den Angreifer vom Leibe halten, und als ich ihm eins auf die Nase gebe, ist der Kampf auch schon entschieden. "Mucker", zischt er mich an, "dich kriege ich noch". So fängt die Schule an.

Wenn ich morgens aufstehe, um in die Schule zu gehen, dann ziehe ich mich an, gehe ins Bad und wasche dort mein Gesicht und putze die Zähne. Dann kämme ich mich und nehme etwas Brisk, damit die Haare schön glatt sind. Meine Mutter ist auch schon auf, sie weckt mich ja immer, und sie hat mir schon Haferflocken mir Kakao und Zucker in eine Schüssel gegeben. Ich schütte dann Milch darüber und frühstücke. Weil mein Blut nicht gut ist, muß ich auch einen Löffel Lebertran schlucken, was ich mit Todesverachtung tue. "Das ist ja so gesund" sagt meine Mutter. Dann beten wir, bevor ich zur Schule gehe. Meine Mutter betet, daß ich gut in die Schule komme, daß mir nichts passiert und ich wieder gut heimkomme. Bevor ich dann das Haus verlasse, sagt sie jedesmal, ich soll brav sein, dem Lehrer gehorchen und aufpassen soll auf das, was der Lehrer sagt.

Sieglinde und ich gehen gemeinsam zur Schule, weil sie auch in die gleiche Klasse geht und den selben Schulweg hat. Ich fühle mich als ihr Beschützer, und wenn andere Schüler, die wir unterwegs treffen, schlechte Sachen sagen, weil ich mit einem Mädchen gehe, dann fühle ich einen hilflosen Zorn. Aber meine Mutter hat mir eingeschärft, mich nicht zu prügeln, "Jesus hat sich auch nicht geprügelt", und "Jesus nimmt Dich nicht mit, wenn er kommt und du gerade andere schlägst". So schlucke ich meine Wut hinunter und wage mir kaum vorzustellen, einem von den Kerlen zu schlagen, weil Gott Gedanken lesen kann. Ich bin auch eifersüchtig, weil Sieglinde mit denen spricht, die mich nicht leiden können.

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Zur freundlichen Erinnerung an die eigene Jugendzeit:
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24.08.2011 13:17
#3 RE: Bericht eine Aussteigers! Zitat · antworten

Im Gottesdienst sitze ich, da ich nun in die Schule gehe, ganz vorne rechts, die Jungs in der ersten Reihe und die Mädchen in der zweiten. Das ist besser, als neben meiner Mutter zu sitzen, die immer aufpaßt, daß ich ruhig sitze und nicht rumzappele. Sie hat mich zwar im Auge, aber ich kann so tun, als bemerke ich es nicht. Heinz, der meist neben mir sitzt, macht immer Sachen, die ich mich nicht traue. Er zieht Grimassen und lacht, wenn bei dem, der predigt, die Nase tropft oder wenn er sich verspricht. Einmal ist beim Predigen das Mikrofon umgefallen, und Heinz hat sich fast kaputtgelacht.

***************

Der Stammapostel ist gestorben, sagen sie. Vorher haben sie immer gesagt, daß er nicht sterben wird weil Jesus bald kommt. Und nun ist er doch gestorben. Ich kann nicht so recht verstehen, warum sich alle so anstellen. Er war ja immerhin sehr alt. Wir waren einmal in einem Gottesdienst sehr weit weg, wo sehr viele Leute waren, in einer großen Halle mit viel Blumen und da habe ich ihn gesehen, aber nur von weitem. Er hat gepredigt und viele andere Apostel auch, sogar einer aus Amerika oder so, und ein anderer hat das dann übersetzt, weil wir ja kein Englisch können. Auch ein großer Chor war da und hat gesungen, und es sah ganz gleichmäßig aus, nur schwarz und weiß. Nur die Blumen waren farbig.

Meine Mutter heult, weil der nun gestorben ist und mein Vater ist ganz blaß und macht ein verkniffenes Gesicht. Es kommen viele Leute zu uns, einige aus dem Nachbarort, weil sie meinen Vater gut kennen, und weinen ebenfalls. Ich verstehe nicht, warum manche nun nicht mehr in den Gottesdienst gehen wollen, nur weil der Stammapostel gestorben ist.

"Und was wird jetzt" fragt meine Mutter, und der Schrecken in ihrem Gesicht macht mir Angst.

"Gott hat seinen Plan geändert" erwidert mein Vater, und als alle ihn angucken sagt er weiter, daß auch Moses abberufen wurde, bevor er das gelobte Land erreichte. Was hat das mit dem Moses zu tun hat, der mal einen Busch angezündet hat, denke ich. Und warum sind die alle so erschrocken? Dann schicken sie mich ins Bett, weil es schon so spät ist.

Sonntags auf dem Weg zum Gottesdienst sagt mein Vater, daß wohl einige nicht mehr kommen werden wegen dem Stammapostel, der nun doch gestorben ist. Er zieht aufgeregt an seiner Zigarette und sagt "aber wir bleiben treu". Meine Mutter nickt und schaut immer noch gramvoll. Wenn mein Vater sagt, daß Gott seinen Plan geändert hat, dann hat er ihn eben geändert, denke ich. Mir sagen sie ja auch manchmal was, daß wir zum Beispiel in die Stadt fahren, und tun es dann doch nicht, weil die Oma krank ist oder jemand kommt. Da machen sie doch auch kein solches Drama daraus.

Onkel August und Onkel Kurt, die uns an der Tür erwarten, blicken sorgenvoll. Schon wieder reden sie davon, daß Gott eben seinen Plan geändert hat. "Sind Theo und Inge da?" flüstert meine Mutter Onkel Kurt ins Ohr. Doch der guckt nur traurig und schüttelt den Kopf. Onkel Theo und Tante Inge waren mal bei uns, weil sie Krach miteinander hatten und sich scheiden lassen wollten. Erst haben sie schlimm rumgeschrien, aber mein Vater hat sie dann beruhigt und Onkel Theo gesagt, er soll nicht so viel Bier trinken. Tante Inge hatte mir ein paar Fix-und-Foxi-Hefte mitgebracht und Onkel Theo war dann auch sehr lieb zu mir, weil er mir einen Schrecken eingejagt hatte. Später sind sie dann noch öfter gekommen und mein Vater hat gesagt, daß man den Theo und die Inge nur richtig nehmen muß. Meiner Mutter war es irgendwie nicht so recht, wenn die gekommen sind.

Im Gottesdienst sind fast alle da, doch viele weinen.

Als wir heimgehen sagt mein Vater, es sei nur eine Prüfung. Meine Mutter sagt nichts, und es dauert ein paar Wochen, bis alles wieder normal ist.

***************

Unser Religionsunterricht heißt Kindergottesdienst und ist sonntags morgens nach dem Gottesdienst. Wir sind etwa zehn Kinder, und der Religionsunterricht wird von den Priestern abwechselnd abgehalten. Manche sind streng und wir sitzen da wie beim Gottesdienst und müssen zuhören. Andere machen manchmal auch Witze und es ist dann ein bischen lustig. Onkel Hermann mögen wir recht gerne. Er hat keine Kinder und er sagt uns immer, wie gerne er doch selbst Kinder hätte und daß er sich daher besonders freut, mit uns den Kindergottesdienst zu machen.

Beim Kindergottesdienst wird uns immer gesagt, daß der Teufel überall lauert und daß er es nur darauf abgesehen hat, uns zu verführen, so daß wir sündigen und nicht mitgenommen werden, wenn Jesus kommt, um uns zu holen. Daher sei es absolut wichtig, immer in den Gottesdienst zu gehen, weil wir dort erfahren, wie wir uns verhalten müssen. Auch sollen wir alle weltlichen Gelüste wie Kino, Spielkarten, Tanzen, Kirmes usw. meiden,

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Zur freundlichen Erinnerung an die eigene Jugendzeit:
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24.08.2011 13:18
#4 RE: Bericht eine Aussteigers! Zitat · antworten

weil dort nur überall Teufel dahinter steckt. Auch im Radio und im Fernsehen, das es jetzt gibt, ist der Teufel. Onkel Herrmann sagt uns auch, daß wir keine Zeitung brauchen, weil da ja nur weltliches drinsteht. Wir sollen die Bibel lesen, sagt er uns, und "Unsere Familie". Die ist von unserer Kirche und in ihr steht, was wir wissen müssen.

Manchmal sollen wir auch Fragen stellen und ich frage, warum Sieglinde nicht in den Himmel kommt. "Sie ist nicht auserwählt" lautet die Antwort und es klingt fast wie ein Richterspruch. "Und ich bin auserwählt?" frage ich. "Ja, du bist auserwählt, um bei der Wiederkunft Christi dabei zu sein." Ich zögere einen Moment und fasse dann mutig nach. "Wenn ich auserwählt bin, dann komme ich auf jeden Fall in den Himmel?"

"Nicht in jedem Fall. Nur wenn du das Wort Gottes befolgst. Nur dann nimmt dich Jesus bei seiner Wiederkunft mit."

"Das heißt also, wenn ich nicht folgsam bin, dann komme ich nicht in den Himmel, auch wenn ich auserwählt bin, und Sieglinde kommt auf keinen Fall in den Himmel, auch wenn sie ganz brav ist, nur weil sie nicht auserwählt ist." Dieser Gedanke, laut vorgetragen, macht den Priester ärgerlich.

"Wenn du nicht folgsam bist und somit nicht in den Himmel kommst, dann warst du auch nicht auserwählt" raunzt er, und blickt mich ungnädig an. Ich denke einen Moment nach und posaune meine Schlußfolgerung hinaus. "Das heißt also, wenn ich auserwählt bin, dann nimmt mich Jesus mit, und wenn nicht, dann eben nicht! Das ist doch ungerecht!"

So viel Frechheit ist dem Priester noch nicht untergekommen. Sein Gesicht nimmt eine rote Farbe an und er stößt zornig hervor: "Es steht uns nicht zu, Gott zu kritisieren. Jesus hat sich für uns am Kreuz geopfert und wer die Gnade mit Füßen tritt, den wird Gott bestrafen! Geh in dich und bitte Gott um Verzeihung für deine sündigen Gedanken." Ich kann an meinen Gedanken beim besten Willen nichts sündiges finden doch ziehe ich es vor, demutsvoll die Augen niederzuschlagen und nichts zu erwidern. Auf keinen Fall möchte ich, daß er meinen Eltern etwas davon erzählt. Trotzdem läßt mir die Sache keine Ruhe.

Mein Freund Heinz und ich unterhalten uns oft über diese Dinge, die im Gottesdienst gesagt werden. Er ist nicht allzu helle, und meist bin ich derjenige, der das Thema darauf bringt, weil er sich kaum darüber Gedanken macht. Ich habe den Eindruck, daß er sich nicht allzuviel aus dem allem macht, was uns gesagt wird, was wir tun sollen und was nicht, sondern oft etwas macht, was sündig ist. Auch meine anderen beiden Freunde, Bernd und Bernhard, die ja auch immer in den Gottesdienst gehen, halten sich nicht immer an das, was wir im Gottesdienst hören. Irgendwie nehmen sie das alles viel leichter als ich, haben keine Angst, daß Jesus kommt und sie nicht mitnimmt, weil sie sündigen. Oft wünsche ich mir, daß Jesus genau dann kommt, wenn im Gottesdienst gerade Abendmal war und mir Gott alle Sünden vergeben hat. Ich stelle mir voller Angst vor, von der Schule heimzukommen, und Jesus war da und hat alle mitgenommen. Meinen Vater, meine Mutter, Onkel Herrmann, Heinz, Bernd, Bernhard, einfach alle Auserwählten, nur mich nicht. Sieglinde hatte ja sowieso keine Chance, aber mich werden dann alle anderen auslachen und sagen, daß ich doch ganz schön blöd war, das zu verpatzen, wo ich doch immer in den Gottesdienst gegangen bin. Abends im Bett bete ich zu Gott und bitte um Vergebung für meine Gedanken. Ob es hilft?

***************

Sonntags vor dem Abendmahl bereue ich meine Sünden. Ich habe gelogen, ich habe heimlich Bernhards Schwester beim baden zugesehen. Mein Sündenregister erscheint mir erschreckend klein. Nur das Übliche, außer das mit Bernhards Schwester. Habe ich auch an alle Sünden gedacht? Ob Heinz mitgenommen wird, wenn Jesus uns holt? Ich bezweifle das, weil er bestimmt nichts bereut. Ist Schadenfreude auch eine Sünde? Ich nehme die Hostie aus Onkel Walters Hand, stecke sie in den Mund und lasse sie auf der Zunge einweichen. Ich mag den Geschmack, so wie die Oblaten zu Weihnachten, wenn meine Mutter Oblatenplätzchen backt. Langsam schlucke ich sie runter. Wieder auf der Bank sitzend streckt Heinz die Zunge heraus und zeigt mir seine Oblate, die eingeweicht auf seiner Zunge liegt, und grinst dabei. Das darf man doch nicht. Wenn ich Heinz sage, daß man etwas nicht darf, dann lacht er mich immer aus und sagt, daß es ihm egal ist. Er hat sogar schon geraucht.

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Mein Vater ist nun Vorsteher der Nachbargemeinde. Er ist ganz stolz und die ganze Woche weg. Mit dem Moped. Er hat kein Auto, nur ein Moped, und mit Anzug und Regenkleidung auf dem Moped sieht er seltsam aus. Aber es machst ihm nichts aus, er fährt fast jeden Abend zu seiner Gemeinde. Meine Mutter sagt nichts, doch sie blickt trotzig. Manchmal streiten sie spät abends, doch ich will nicht zuhören, weil mich das geniert.

An einem Sonntag morgen kommen die Eltern von Werner. Werner ist so ein bischen mein Freund. Er ist älter als ich aber wir sprechen oft miteinander.



[color=darkblue]Fortsetzung folgt![/color]

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24.08.2011 13:18
#5 RE: Bericht eine Aussteigers! Zitat · antworten

Er spielt auch die kleine Orgel in der Gemeinde meines Vater und wenn ich dort bin, läßt er mich manchmal darauf spielen. Ich kann nur einzelne Töne drücken, doch dann lacht er und sagt, ich könne das doch lernen.

Er hat eine Freundin, aber die ist nicht neuapostolisch und hat lange Haare. Von meinem Vater weiß ich, daß das nicht geht. Werners Eltern waren oft bei uns und haben mit meinem Vater darüber gesprochen. Werners Freundin ist zwar oft in den Gottesdienst gekommen, doch neuapostolisch will sie nicht werden und das geht halt nicht, sagt mein Vater. Auch Werner war mit seiner Freundin schon ein paar Mal da um mit meinem Vater zu sprechen. Sie sind dann immer ins Wohnzimmer gegangen, damit keiner zuhört. Werner wird immer trauriger, aber ich weiß nicht, was ich für ihn tun könnte.

Nun kommen Werners Eltern und erzählen uns, daß sich Werner aufgehängt hat im Wald. Der Förster hat ihn gefunden, und das Licht am Auto hat noch gebrannt, weil er es nachts gemacht hat und Licht gebraucht hat um sich aufzuhängen. Ich stelle mir vor, wie das ist, wenn sich einer aufhängt, und ich erschauere. Ich habe in der Badewanne unter Wasser schon öfter die Luft angehalten um zu sehen, wie lange das geht, und irgendwann kommt dann der Moment, wo man unbedingt Luft braucht.

Alle heulen, und ich heule auch ein bischen. Warum hat Werner das gemacht? Mein Vater sagt, Gottes Wege sind unergründlich. Die Gesichter von Werners Eltern sind naß von Tränen und ihre Augen sind ganz rot. Ich bin sehr erschrocken, weil das mit Werner ist, doch keiner sagt etwas zu mir als Werners Eltern fort gehen und auch später nicht. Und zu fragen traue ich mich nicht.

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Nun gehe ich aufs Gymnasium. Wir sind vier, zu denen der Lehrer gesagt hat, wir sollen aufs Gymnasium gehen. Ich habe ja auch immer gute Noten. Ich mache auch nicht solche Sachen wie Heinz, der in der Schule nie aufpaßt und der vom Lehrer oft geschlagen wird. Mich hat der Lehrer zwar auch schon geschlagen, aber das waren immer Sachen, für die ich nichts konnte. Einmal habe ich während der Stunde am Sandkasten, in dem wir unser Dorf modelliert haben, rumgeturnt und ein andermal mit ein paar anderen in der Pause am Lehrerzimmer rumgeschrien. Zur Strafe durften wir dann zusätzlich zu den Schlägen den Film nicht sehen, aber der Film war sowieso blöd, weil man nur bewegliche Scherenschnitte sah. Das haben mir die anderen hinterher erzählt. Für die Schläge habe ich mich dann geschämt und gehofft, daß es meine Mutter nicht erfährt.

Heinz hat nur Dreier und Vierer im Zeugnis und Bernhard sogar Fünfer. Er ist ja auch sehr dumm. Er weiß die einfachsten Sachen nicht und kann auch nicht rechnen. Und sogar in Singen haben sie einen Vierer. Nicht mal das können sie. Meine Mutter paßt jeden Tag auf, daß ich meine Hausaufgaben mache. Die Mutter von Heinz ist immer in ihrem Geschäft und deshalb kommt Heinz oft ohne Hausaufgaben in die Schule, und der Lehrer schimpft dann mit ihm oder es gibt was mit dem Stöckchen. Bernhard ist einfach nur dumm.

Meine Mutter wollte zuerst nicht, daß ich aufs Gymnasium gehe, weil ich dann jeden Tag mit dem Bus in die Stadt fahren muß. "Es ist ja auch teuer, weil man so viele Schulbücher und eine Monatskarte für den Bus braucht", sagt sie.

Aber Onkel Josef, der Vater von Paul, der schon zwei Jahre am Gymnasium ist, sagt, daß es ja kein Schulgeld mehr kostet und das man die Schulbücher auch gebraucht bekommen kann. Onkel Josef hat ein Auto und ist am Gericht. Er ist auch Priester und der Onkel von Paul, Onkel Rudolf, ist sogar Ältester oder so, jedenfalls mehr als mein Vater, und der sagt meinem Vater dann auch, ich soll ans Gymnasium gehen, weil ich doch so begabt bin. "Jesus hat gesagt, daß man mit seinen Pfunden wuchern muß" sagt er, und legt mir die Hand auf den Kopf und erzählt uns ein Gleichnis, wo einer sein Geld vergraben hat und dann geschimpft wird, weil es falsch ist, sein Geld zu vergraben. Onkel Rudolf ist Schreiner und hat im Haus eine Schreinerei, wo er früher Schränke, Tische und Stühle gemacht hat.

Als ich klein war, da war ich manchmal bei ihm. Mir hat es dort sehr gut gefallen, weil es immer so schön nach Holz gerochen hat und weil da so riesige Maschinen waren. Wenn Onkel Rudolf ein Brett glatt hobeln wollte, dann ist er an den großen Motor gegangen, der an der Wand festgemacht war und von dem über eine Welle Bänder zu den Maschinen gingen. Er hat dann die Welle von Hand angeworfen und wenn sich die Welle gedreht hat, dann ist er schnell zum Schalter gesprungen und hat den Strom eingeschaltet. Manchmal hat das nicht geklappt und er mußte die Welle ein paar mal anwerfen. Wenn dann der Motor lief, dann hat er ein Band über die Welle gezogen und die Hobelmaschine hat laut gedröhnt, wenn er ein Brett hineingesteckt hat. An der Seite sind dann Späne heraus geflogen, und hinten kam das Brett gehobelt heraus.

Aber Onkel Rudolf macht keine Möbel mehr, weil er Ältester ist und keine Zeit mehr hat. Er hat auch ein neues Auto und kriegt nun Geld von der Kirche, sagt mein Vater.

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24.08.2011 13:19
#6 RE: Bericht eine Aussteigers! Zitat · antworten

Ich bin froh, daß Onkel Rudolf das mit dem Gleichnis gesagt hat, sonst hätten sie mich nicht aufs Gymnasium gelassen.

Das Gymnasium ist zuerst ungewohnt für mich. Am ersten Tag geht meine Mutter mit, damit ich weiß, wie ich hinkomme. Von nun an fahre ich jeden Tag in die Stadt. Mir gefällt es am Gymnasium und ich bin neugierig und begierig, zu lernen. Im Dorf in der Schule war es mir oft langweilig, weil viele nicht mitkamen und der Lehrer oft alles wiederholt hat. Doch hier lerne ich neue Sachen und auch Englisch. Meine Mutter sagt, ich soll fleißig Englisch lernen. Vielleicht brauchen sie mich mal, wenn ein ausländischer Apostel kommt, damit ich übersetzten kann, was er sagt. Dann wäre sie ganz stolz, weil ich das kann.

Natürlich merkt die ganze Klasse, daß ich neuapostolisch bin und das ist mir furchtbar peinlich, weil ich doch wie die anderen sein möchte. Ich bin der einzige Neuapostolische in der Klasse, und es gibt nur einen, der auch anders ist. Er ist Adventist. Bei denen ist samstags Sonntag, und das lenkt die anderen wenigstens von mir ab. Nicht daß sie lästern, aber manche meiden mich, weil ich nicht mitreden kann über die Dinge, die sie so machen. Ich kenne keine Kinofilme und wir haben keinen Fernseher daheim. Wir haben auch kein Auto wie die meisten anderen und fahren nicht in Urlaub. So finde ich keinen richtigen Anschluß und halte mich von den meisten meiner Mitschüler fern. Nur in einem beneiden sie mich: ich muß nicht in den Religionsunterricht.

Bei uns ist mal wieder Gästegottesdienst. Gästegottesdienst ist jedes Jahr, und jeder soll möglichst viele Gäste einladen und mitbringen, damit sie auch neuapostolisch werden. Mir war das schon immer peinlich, zu Leuten zu gehen und zu fragen, ob sie zum Gästegottesdienst kommen. Bei Leuten die, man kenne, ist das ja nicht ganz so schlimm, man fragt einfach beiläufig und sie sagen dann irgendwas und man ist froh, daß man es hinter sich hat und sagen kann, daß man so und so viele eingeladen hat. Aber bei fremden Leuten ist das schon schlimm. Man hat Angst und mich hat das immer schrecklich geniert.

Und nun sagt meine Mutter, ich soll meine Englischlehrerin einladen. Dummerweise habe ich daheim erzählt, daß sie immer sehr freundlich ist und an Gott glaubt. Und nun soll ich sie einladen. Ich drücke mich Tage lang davor. Doch meine Mutter läßt keine Ruhe, fragt immer wieder, ob ich sie denn nun endlich eingeladen hätte. Alles in mir sträubt sich, doch in einem günstigen Moment, wo ich mit der Lehrerin allein bin, tue ich es, um es hinter mich zu bringen. Ihre Reaktion verblüfft mich. Sie schaut mich ganz offen an und sagt, daß sie meinen Mut bewundert. "Das ist das erste mal", sagt sie, "daß mich ein Junge in eine Kirche einlädt". Doch sie sagt auch, daß sie nicht kommt, weil sie ihren eigenen Glauben in ihrer Kirche hat. Doch sie hat Hochachtung vor mir sagt sie noch und ich wäre ein guter Junge.

Von mir ist eine Last abgefallen und daheim sage ich, daß ich sie eingeladen habe und sie vielleicht kommt. Meine Mutter ist ganz stolz auf mich.

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Im Gottesdienst muß ich sonntags manchmal geigen. Eigentlich wollte ich ja Harmonium lernen, aber wir haben daheim keines und eins kaufen wollten meine Eltern auch nicht. So haben sie mich überredet, Geige zu lernen. Von Onkel Walter, der auch Dirigent ist, bekomme ich eine Geige, leihweise, wie er sagt. Bei ihm nehme ich Stunden, das heißt, er kommt jede Woche eine Stunde zu uns. Da ich musikalisch bin, fällt mir das Geigelernen nicht schwer, aber er ist sehr streng, strenger als die Lehrer in der Schule, und ich habe häufig Angst und ich schwitze, bevor er kommt, obwohl ich geübt habe. Wenn ich dann vorspiele, dann kann es passieren, daß es nicht klappt, obwohl es vorher geklappt hat, und dann guckt er mich vorwurfsvoll an, was schlimmer für mich ist, als wenn er schreien würde. Meine Mutter sagt immer, ich muß mich besonders anstrengen, weil Onkel Walter das umsonst macht, wo er doch sonst fünf Mark die Stunde nimmt. Manchmal gibt sie ihm zehn Eier, weil wir Hühner haben, und Onkel Walter ziert sich immer, bevor er sie nimmt.

So stehe ich dann im Gottesdienst und muß Geige spielen, wenn gesungen wird. Das Herz klopft mir bis zum Hals und meine Hände sind feucht vom Schweiß. Ich muß sie mir dauernd an der Hose abwischen, während Gerlinde und ich auf das Lichtsignal warten. Früher habe ich mich immer gefragt, woher denn Gerlinde weiß, wann sie anfangen muß. Oft habe ich sie beobachtet um herauszufinden wie sie das macht, aber sie hat nur dagesessen und auf einmal angefangen zu spielen. Wenn ich sie gefragt habe, dann hat sie nur gelacht und gesagt, das müsse ich selbst herausfinden.

Das Licht blinkt und wir fangen an zu spielen. Ich finde es blödsinnig, weil die Orgel so laut ist und ich mich selbst fast nicht höre. Aber Onkel Walter und meine Mutter bestehen darauf. Während ich spiele weiß ich, daß Heinz und die anderen immer hergucken und lachen. Zum Glück merkt keiner, wenn ich falsch spiele. Einmal hatte ich das falsche Lied aufgeschlagen, und da habe ich die ganze Zeit so getan, als ob ich spielen würde.

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24.08.2011 13:20
#7 RE: Bericht eine Aussteigers! Zitat · antworten

Auch das hat keiner gemerkt. Manchmal bin ich richtig neidisch auf Gerlinde, weil sie Orgel spielt und ich nur Geige, aber wir sollen ja nicht neidisch sein.

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Neujahr. Während die meisten Leute noch schlafen, machen wir uns zeitig zu Fuß auf in Richtung Ortsmitte. Wie jedes Jahr kommt extra für uns ein Bus, der die ganze Gemeinde in die nahe Stadt zur Übertragung fährt. Ich finde es toll, so früh schon auf den Beinen zu sein, denn unterwegs zum Bus kann ich Feuerwerkskörper aufsammeln, die nicht funktioniert oder welche die Leute nachts verloren haben. Meine Mutter meckert zwar herum, aber meinen über den Silvestermüll gleitenden Blicken entgeht nichts und als wir den Bus erreichen, sind meine Taschen prall gefüllt mit Knallkörpern und sonstigem Feuerwerk. Heimlich wische ich meine leicht geschwärzten Hände an der Hose ab, weil ich nun jedem die Hand geben und ein "gesegnetes Neues Jahr" wünschen muß. Das Ganze ist mir irgendwie peinlich und ich hätte viel lieber "Prost Neujahr" gesagt. So nuschele ich den Satz irgendwie heraus und bin froh, wenn die Prozedur endlich herum ist.

In der Stadt im Gottesdienst gehen wir immer auf die Empore. Das ist oben so eine Art großer Balkon mit ansteigenden Sitzreihen. Schon auf dem Weg nach oben höre ich den blechern klingenden Chorgesang aus den Lautsprechern. Die Übertragungen vom Stammapostelgottesdienst finde ich furchtbar langweilig, weil man ja praktisch nichts sieht. Außerdem geht das immer so lange. Man guckt in der Gegend herum und die einzige Ablenkung hat man, wenn es mal eine Störung gibt oder der Diakon an der Lautstärke dreht, was immer mit lautem Knacken verbunden ist. Manchmal pfeift es auch laut oder es kommt eine Durchsage von der Bundespost oder sonst wem.

Um mich herum entsteht, kaum daß wir sitzen, eine intensive Geruchswolke. Es riecht penetrant nach verbranntem Schwarzpulver. Verstohlen schnuppere ich an meinen Fingern, aber die riechen kaum. Das kann nur ein abgebrannter Feuerwerkskörper sein, den ich versehentlich aufgesammelt habe und der nun irgendwo in einer meiner Taschen steckt. Eigentlich liebe ich diesen Geruch, aber meine Mutter nicht, und schon zischt sie mir ins Ohr "geh sofort die Hände waschen". Ich weiß zwar, daß es nicht meine Hände sind, aber ich erhebe mich gehorsam und gehe leise die Treppe hinunter zum Klo. Dort leere ich meine Hosentaschen, finde die Duftquelle, aber wohin damit? Und schon kommt auch jemand rein und guckt gleich komisch, weil ich die Hände voll Zeugs habe. Wortlos schiebe ich mich zur Tür hinaus und werfe das Ding unbeobachtet in den Behälter für Regenschirme, der neben der Garderobe steht.

Meine Mutter guckt nur streng, als ich mich wieder neben sie setze. Letztes Jahr war es schlimmer. Da ist mir meine Knallpistole, die wie eine Echte aussieht, aus der Tasche und mit lautem Poltern unter die Sitzreihe vor mir gefallen. Mit hochrotem Kopf bin ich runter gekrabbelt und ich mußte meiner Mutter versprechen, keine Pistole oder Ähnliches mehr mit in den Gottesdienst zu nehmen.

Der Gottesdienst beginnt und wir singen. Da wir, wenn wir singen, die Lautsprecher nicht hören, sind wir immer langsamer oder schneller als die im Lautsprecher, und nach jeder Strophe bin ich gespannt, ob wir zu schnell oder zu langsam waren. Heinz, der in der Reihe vor mir sitzt, dreht sich um und grinst, als ein paar weiter singen, obwohl im Lautsprecher schon gebetet wird.

Ich überlege mir, wieviel Schwarzpulver ich wohl aus den Feuerwerkskörpern herausbekommen und wie ich das Ganze dann auf einen Schlag zünden werde. Am besten, so denke ich mir, mache ich alles in eine Blechdose, die ich gut verschließen kann. Dann bumst es richtig. In manchen Sachen sind auch Leuchtkugeln drin. Mit denen muß man aber aufpassen, letztes oder vorletztes Jahr habe ich mir mit so einer Leuchtkugel einen Schuh verbrannt.

Derart mit meinen Gedanken beschäftigt verfliegen die zwei Stunden im Nu. Im Bus erzählt mir Heinz, daß er auch Feuerwerk gesammelt hat. Wir beschließen, am Nachmittag zwei Bomben zu bauen.

***************

Es sind ein etliche Jahre vergangen. Heinz hat eine Lehre angefangen und Bernhard auch. Bernd geht auf das gleiche Gymnasium wie ich. So kommen wir uns näher als früher und unterhalten uns oft über unsere Zweifel an dem, was uns in der Kirche gesagt wird. Er ist zwei Klassen hinter mir. Erst war er eine Klasse hinter mir, doch dann hatte er Probleme, weil er eine Klasse nicht schaffte und weil er einen strengen Verweis bekam. Er hatte ein Mädchen gefragt, ob es schon seine Tage bekäme. Das hatte viel Aufruhr gegeben, und nun ist er tagsüber im Internat, weil seine Eltern beide arbeiten und nicht auf ihn aufpassen können.

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Zur freundlichen Erinnerung an die eigene Jugendzeit:
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24.08.2011 13:20
#8 RE: Bericht eine Aussteigers! Zitat · antworten

Bernd und ich haben in vielen Dingen die gleichen Ansichten. Es ist ungerecht, wenn einige auserwählt sind und andere nicht. Warum ist Gott so ungerecht? Warum macht er überhaupt diesen Aufwand, wenn er als Gott doch alles viel einfacher machen könnte? Warum läßt er den Teufel gewähren? Wenn er so allmächtig ist, dann kann er ihn doch einfach einschließen in der Hölle. Gibt es eine Hölle, oder ist die Hölle nur 'nicht Himmel'? Vor allem beschäftigt uns die Frage, warum es von Kleinigkeiten abhängt, ob Jesus einen mitnimmt oder nicht, wenn er kommt. Angenommen, man hat immer alles richtig gemacht, man ist auserwählt, geht immer in den Gottesdienst und man bereut auch immer vor dem Abendmal seine Sünden. Jahrelang macht man alles richtig und dann, an einem Tag, macht man was falsch, ist im Kino oder auf dem Jahrmarkt oder sonstwo, wo wir nicht hingehen sollen, und schwupp, da kommt Jesus, um uns zu holen. Und schon gehört man zu den törichten Jungfrauen, das heißt, man wird nicht mitgenommen. Das Thema der törichten Jungfrauen, die kein Öl mehr haben, wird im Gottesdienst dauernd behandelt und soll allen als Warnung dienen. Im Gegensatz zu früher höre ich jetzt der Predigt im Gottesdienst zu und versuche, Antworten auf meine Fragen zu finden. Doch ich finde keine. Bernd und ich sind uns einig, daß es immer das gleiche ist, was da gepredigt wird. Immer die gleiche Leier von den Jungfrauen. Und wir fragen uns, ob Gott wirklich so ungerecht ist. Das Bild von dem liebenden Gott einerseits und die Härte andererseits mit den nicht so Perfekten erzeugt in uns einen Zwiespalt. Wie kann Gott uns einerseits lieben und andererseits so unbarmherzig sein, wenn wir was falsch machen?
Wenn ein kleines Kind auf die Straße läuft und totgefahren wird, wer gibt dann dem Kind eine Schuld? Sind wir für Gott nicht unwissende Kinder?

Wir gehen nun in die Jugendstunde. Eigentlich sind wir ständig von der Kirche umgeben. Sonntags zwei mal Gottesdienst, donnerstags abends Gottesdienst, dienstags Singstunde, samstags alle vier Wochen Jugendstunde. Dazwischen kommen die Priester einen besuchen. Bernd und Heinz meutern, weil dauernd jemand kommt und sie dann nicht fernsehen können. Bei uns kommt zum Glück niemand, weil mein Vater ja Priester ist.

Die Jugendstunde ist wie Kindergottesdienst für Heranwachsende. Die gleichen Priester, die gleichen Gesichter, die gleichen Sprüche.

Onkel Herrmann ist nicht mehr so duldsam. Unsere Fragen schrecken ihn auf. Wir sollen zwar fragen, aber bitte schön, die richtigen Fragen, keine Fragen, die irgend etwas in Frage stellen, was unseren Glauben betrifft. Am besten Fragen, die man mit einem Bibelzitat beantworten kann. Fragen zum richtigen Leben sind nicht angebracht. Da nun viele Neuapostolische ein Radio und manche sogar einen Fernseher haben frage ich ihn, was eigentlich dagegen spricht, über den Jahrmarkt zu gehen und Zuckerwatte oder gebrannte Mandeln zu kaufen. "Und", ergänze ich meine Frage, "warum soll ich nicht im Riesenrad fahren"? Onkel Hermann schluckt und sucht nach Worten. "Jesus wäre auch nicht auf einen Jahrmarkt gegangen", erwidert er und sein Gesicht ist gerötet. "Und woher willst Du das wissen" frage ich weiter und mache ein unschuldiges Gesicht. Allgemeines Gefeixe. "Weil dort der Teufel herrscht und die Seelen verführt" erwidert er beherrscht. "Ich habe keinen Teufel auf dem Jahrmarkt gesehen" stößt Heinz trotzig hervor und grinst dann. Alle grinsen.

"Onkel Herrmann", meint Norbert, der Cousin von Heinz, "ich habe gehört, du hast jetzt auch ein Radio", und in seinem Gesicht steht unterdrückter Triumph. "Du hast mal gesagt, im Radio ist der Teufel. Was ist denn nun damit"?

Onkel Herrmann windet sich. Das hat er nicht erwartet. Irgendwie tut er mir leid, er, der selbst keine Kinder hat und nun mit uns Jugendstunde macht. Früher waren wir leicht zu beeindrucken und zu kontrollieren aber nun? Ich helfe Onkel Herrmann, weil ich Mitleid mit ihm habe und werfe ein, daß im Radio ja auch Nachrichten kommen, und die zu hören ist ja wohl keine Sünde. Onkel Herrmann guckt mich durch seine dicken Brillengläser an und sagt nichts. Was hätte er auch sagen können.

Zunehmend beschäftigt uns auch das Thema Sexualität, ein Thema, das weder daheim noch in der Kirche zur Sprache kommt. Bei meinen Eltern spielt sich das im Schlafzimmer ab, verstohlen, heimlich, verschämt. Sprechen tun wir darüber nicht. Um so mehr reden wir unter uns Jungs darüber, doch was wir wissen ist dürftig und kennen wir nur vom Hörensagen. Heinz bringt manchmal Zeitschriften aus ihrem Geschäft mit, Neue Revue, Stern, Bravo, und wir durchstöbern sie auf der Suche nach Bildern von Sachen, die wir im täglichen Leben nicht zu sehen bekommen. Einen Großteil unserer Aufklärung beziehen wir aus der Bravo. Norbert, der zwei Jahre älter ist als ich, prahlt gerne damit, was er schon alles mit Mädchen gemacht hat. Ich mag es nicht, wie er so über sie redet, sie schlecht macht. Er hat keine Hemmungen und keine Gefühle. Er wirkt gut auf Mädchen, findet immer ein Gesprächsthema, bandelt auch mit jeder gleich an, und wenn sie sich schließlich mit ihm eingelassen haben, was leider allzu oft der Fall ist, dann macht er sich lustig über sie und erzählt es auch überall herum. Ich bin wütend auf ihn und gleichzeitig voll Neid, weil ich so gehemmt bin, was Mädchen betrifft. Ich habe noch kein Mädchen geküßt.

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In mir wächst die Unsicherheit bezüglich unseres Glaubens. Ich will sie eigentlich bekämpfen, diese Unsicherheit, weil ich doch beim Kommen des

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24.08.2011 13:21
#9 RE: Bericht eine Aussteigers! Zitat · antworten

Herrn dabei sein möchte, doch ich habe ein Problem damit, das alles so und in dieser Art zu glauben. Ich gehe in den Gottesdienst und höre die Worte, die gesprochen werden, doch ich fange an zu zweifeln an dem, was uns im Gottesdienst gesagt wird. Nicht nur, weil es immer nur die gleiche Leier ist, nein, auch wenn mal was Neues kommt, dann ist es doch immer wieder gleich. Alles geht immer auf das gleiche Thema hinaus. Immer die gleichen Lobpreisungen auf unsere Apostel, besonders den Stammapostel. Er ist unsere Verbindung zu Gott und nur er. Wenn ich dem zuhöre, was sie sagen, so ist er, der Stammapostel, der Vertreter Jesus auf Erden Und somit ist alles, was er sagt, automatisch richtig. Moment mal, denke ich, das ist doch bei den Katholiken auch so, die haben ihren unfehlbaren Papst. Und wir, wir haben einen unfehlbaren Stammapostel? Wo wir uns doch sonst immer so distanzieren von all den anderen Religionen, aber in dieser Sache ist das doch identisch. Hier der unfehlbare Papst und da der unfehlbare Stammapostel. Irgendwie kann ich das in meinem Innern nicht akzeptieren. Aber meine Gedanken machen mir Angst. Gott sieht alles, auch die geheimsten Gedanken. "Lieber Gott", bete ich, "vergib mir meine sündigen Gedanken."

***************

Mit jedem Tag, jeder Woche, jedem Monat und jedem Jahr erweitert sich mein Horizont. In der Schule machen mir die naturwissenschaftlichen Fächer am meisten Spaß. Nicht, daß ich besonders gut bin, aber Physik, Chemie und Biologie haben es mir angetan. Für diese Fächer brauche ich kaum zu lernen, ich verstehe die physikalischen Vorgänge, chemische Reaktionen sind mir kein Rätsel und die Biologie schenkt mir das Wissen über die Evolution. Mit Physik und Chemie haben sie in der Kirche nichts am Hut, und bei der Biologie hat die Kirche ihre eigenen Ansichten. Gott hat alles erschaffen. So einfach ist das. Für mich nicht.

"Ich stamme nicht vom Affen ab" sagt Onkel Herrmann entschieden in der Jugendstunde. Ich habe das Thema Evolution angeschnitten und versuche zu vermitteln. " Es kann doch so sein, daß mit Erschaffen die Evolution gemeint ist. Wenn in der Bibel steht, daß Gott den Menschen erschaffen hat, dann heißt das doch nicht unbedingt, daß er ihn wirklich mit den Händen (hat Gott Hände?) erschaffen hat. Das kann doch auch bildlich gemeint sein. Letztendlich geht das doch auf dasselbe hinaus."

Onkel Herrmann wiegt den Kopf und blickt mich durch seine Brillengläser streng an. "Gott hat Adam aus Lehm erschaffen und ihm seinen lebendigen Odem eingeblasen, so steht es in der Bibel, und Eva wurde aus einer Rippe von Adam erschaffen als seine Gefährtin. Eva ist dem Adam somit untergeordnet, und so auch die Frau dem Mann. So steht es in der Bibel."

"Aber wenn Gott..." versuche ich es weiter, doch Onkel Herrmann schneidet mir das Wort ab. "Ich lasse es nicht zu" schreit er, "daß solche Gedanken hier im Gotteshaus verbreitet werden. Es ist lästerlich, so zu denken. Die Wahrheit kommt einzig und allein aus der Bibel, und nur der Stammapostel und die Apostel können die Bibel deuten, da Gott sie nur ihnen zur rechten Zeit offenbart."

Ich schweige bedrückt. Die andern sagen nichts und starren in die Luft. Es ist ihnen auch egal, wie das nun mit der Schöpfung wirklich ist. Ihre Gedanken sind ganz woanders. Sie wollen nicht mal wissen, wer Darwin war.

***************

Bernd und ich beschäftigt die Frage, ob es Beweise für ein Leben nach dem Tode gibt. Beim Entschlafenengottesdienst wird zwar immer so getan, als wären alle die, die schon gestorben sind, bei uns versammelt, aber ich habe bisher keinen Beweis dafür finden können, nicht mal ein Anzeichen. Da wird in 'Unsere Familie' von Erlebnissen berichtet, wo angeblich Tote erschienen sind oder etwas bewirkt haben, doch ich bin nicht überzeugt davon. Ich muß das selbst sehen, um daran zu glauben. Es heißt zwar, glauben heißt nicht wissen, aber ohne Beweis scheint mir das alles fraglich. Nicht, daß ich es nicht glauben möchte, aber mir wäre wohler, es zu wissen.

Auch in unserer Gemeinde gibt es Leute, die von derartigen Erlebnissen berichten. Eine Frau erzählt sogar, sie sei nachts aufgewacht und habe einen Blick in den Himmel werfen dürfen. Ich glaube ihr nicht. Sie hat sicher nur geträumt.

Onkel Werner, der Vater von Heinz, macht auch Kränze für den Friedhof. Als ich einmal dort bin und Heinz im Laden aushelfen muß, soll ich ihm helfen, Kränze zur Leichenhalle zu bringen, weil einer mit dem Motorrad verunglückt und gestorben ist und nun in der Leichenhalle aufgebahrt ist. Mit einem mulmigen Gefühl fahre ich mit. Als meine Oma vor Jahren gestorben ist, da habe ich zum ersten Mal einen Toten gesehen. Sie lag im Bett und war gerade gestorben, aber irgendwie hat sie immer noch Geräusche gemacht, so, als wenn sie seufzen würde. Meine Mutter ist zur Nachbarin gegangen, um den Doktor anzurufen, und ich mußte bei der toten Oma bleiben. Seitdem hat es mich in dem Zimmer gegruselt.

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24.08.2011 13:22
#10 RE: Bericht eine Aussteigers! Zitat · antworten

Onkel Werner und ich betreten die Leichenhalle mit den Kränzen und der Geruch läßt mich schaudern. Ich muß mich erst eine Weile umblicken, bis ich den offenen Sarg, umgeben von brennenden Kerzen, wahrnehme. Ich gehe näher heran, das Herz klopft mir in der Brust, und sehe ein wachsfarbenes Gesicht, die Augen geschlossen, leblos. Ich weiß, wer der Tote ist, ich kenne ihn, aber das, was da liegt, sieht so schrecklich anders aus, eben tot.

Noch Nächte danach habe ich Alpträume und ich nehme mir vor, nie mehr in eine Leichenhalle zu gehen. Der Tod hat mich erschreckt.

***************

Ich habe eine Freundin. Sie ist zwei Klassen unter mir. Ihr Vater war Arzt und hatte eine Praxis, doch er ist vor einem Jahr gestorben. Wir haben uns über ihren Bruder kennengelernt, dem ich Nachhilfeunterricht in Mathe und Englisch gebe. Zuerst tat sie mir nur leid, weil ihr Vater gestorben ist, doch dann haben wir uns verliebt und gehen nun miteinander, wie wir das nennen, wenn man eine feste Freundin hat. Nach zwei Wochen, nach vielen Ausreden, warum ich sonntags keine Zeit habe, muß ich ihr gestehen, daß ich neuapostolisch bin und sonntags zwei mal in die Kirche muß. Ich habe schon Angst, daß jetzt alles aus ist, weil andere Leute sonntags ins Kino gehen, Eis essen oder sonst was unternehmen. Aber sie sagt, daß es ihr nichts ausmacht, und so fahre ich nachmittags nach dem Gottesdienst zu ihr in die Stadt. Ihre Mutter ist sehr nett und sagt, daß ihr junge Männer, die sonntags in die Kirche gehen, lieber sind als manch andere Menschen. Daß ich auch die Woche über in den Gottesdienst und die Singstunde und die Jugendstunde gehe behalte ich zunächst für mich.

Als ich daheim widerwillig davon erzähle, weil ich weiß, was jetzt kommt, da kommt es auch genau so. "Dann bring sie doch mal mit in den Gottesdienst" sagt mein Vater und meine Mutter ergänzt, ich solle doch auch ihre Mutter einladen. Am besten gleich nächsten Sonntag. Natürlich tue ich weder das Eine noch das Andere und erfinde nun jede Woche eine Ausrede, warum sie nicht mit in den Gottesdienst kommt. Auch bringe ich sie nicht mit nach Hause, weil ich genau weiß, was sie ihr als Erstes sagen würden, was mir furchtbar peinlich wäre.

Irgendwann kann ich es nicht länger hinausziehe, weil sie mir daheim keine Ruhe lassen und ich nehme sie mit in den Gottesdienst, allerdings in der Stadt, weil ich nicht will, daß meine Eltern sie nerven. Ich weiß, daß sie es ja nur gut meinen, und ich fühle mich irgendwie schuldig, weil es mir egal ist, ob sie mitgeht oder nicht und ob sie neuapostolisch werden will oder nicht. Meinen Eltern ist das allerdings nicht egal, und obwohl sie keinen direkten Druck ausüben, machen sie mir permanent ein schlechtes Gewissen. Ich weiß, was sie von mir erwarten, und es ist das erste mal, daß ich mich innerlich widersetze.

Sie geht noch ein paar mal mit in den Gottesdienst, aber ich merke, daß sie es nur mir zuliebe tut, daß sie mit dem, was uns Neuapostolische betrifft, nichts anfangen kann und es sie auch nicht interessiert.

Das Ganze geht noch eine Weile gut, doch dann ist sie es leid, daß ich ihr offensichtlich andere Dinge vorziehe, daß mir Anderes wichtiger ist als sie, obwohl das nicht so ist. Hin- und hergerissen von Schuldgefühlen schwänze ich ein paar mal den Sonntagsnachmittagsgottesdienst, aber es ist umsonst.

In mir ist nur Schmerz, mit wem kann ich reden? "Es ist besser so" meint meine Mutter, "das wäre auf Dauer sowieso nicht gegangen. Wenn sie nicht neuapostolisch werden will..."

***************

Direkt nach dem Abitur komme ich zur Bundeswehr. Da das recht weit von zu Hause ist, werde ich nur alle paar Wochen heimfahren können, zumindest am Anfang. Meine Mutter hat sich erkundigt und mir dann freudig erzählt, daß es in dem Ort, wo ich hin muß, auch eine Neuapostolische Kirche gibt. "Unser Vorsteher wird dir einen Ausweis mitgeben", sagt sie, "damit du auch dort in den Gottesdienst gehen kannst." "Ich weiß nicht, ob ich das immer kann," sage ich vorsorglich. "Ich werde sicher auch abends und sonntags Dienst haben."

Am zweiten Sonntag werde ich Sonntagmorgen zum Gottesdienst abgeholt. Irgendwer hat das organisiert. Unter einem Vorwand, den Kameraden will ich nicht sagen, wo ich hingehe, laufe ich zum Kasernentor. Ein Mann im schwarzen Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte erwartet mich. Er ist ein wenig reserviert und wie ich später erfahre Diakon. Wir fahren in die Stadt zur Kirche. Ich setze mich irgendwo in eine Reihe, verrichte mein Gebet und blicke mich dann um. Fremde Gesichter, die mich teils scheu, teils neugierig anblicken. Und doch ist mir das alles doch so vertraut. Der Altar, das Harmonium, hinter dem eine ältere Frau sitzt, Leute in schwarzweiß, bunte Blumen vor dem Altar.

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24.08.2011 13:23
#11 RE: Bericht eine Aussteigers! Zitat · antworten

Die Predigt entspricht haargenau dem, was ich von zu Hause her kenne. Meine Hoffnung, mal was Neues, was Anderes zu hören, verfliegt schnell. Aber es ist ja auch eigentlich klar, denn das Amtsblatt, das dem Priester, der den Gottesdienst hält, als Vorlage dient, ist das gleiche, das sie auch bei uns daheim samstags durchlesen. Das "göttliche Wunder", daß alle Kinder Gottes zur gleichen Zeit vom gleichen Geist bedient werden, erscheint mir eher als eine Art perfekter Inszenierung. Wenn mein Vater sonntags Gottesdienst halten muß, dann beschäftigt er sich schon samstags mit dem Amtsblatt. Er will nicht, daß ich darin lese, sagt, es sei nicht für mich bestimmt, doch von heimlichem Stöbern weiß ich, daß im Amtsblatt der Inhalt des Gottesdienstes vorgegeben ist.

Als der Gottesdienst um ist, lädt mich der Diakon zu sich nach Hause zum Mittagessen ein. Seine Frau, die er mir gleich nach dem Gottesdienst vorstellt, schließt sich der Einladung wortreich an. Sie ist Italienerin, noch recht jung und hat wunderschöne Augen. Nur wegen ihr fahre ich mit zu ihnen. Sie haben auch eine kleine Tochter, die mich die ganze Zeit über wortlos anblickt. Sie hat die gleichen Augen wie ihre Mutter.

Das Essen ist natürlich italienisch. Nach anfänglichem Zögern bin ich begeistert. Bei uns daheim kennt man keine Artischocken und ich muß erst lernen, den unteren weichen Teil der Artischockenblätter in eine Marinade zu tauchen und dann abzulutschen. Dann gibt es Nudeln mit irgend einem Fleisch und Artischockenböden, das ganze überbacken. Auch das ist neu für mich und zu meiner Überraschung äußerst schmackhaft. Zum Essen trinken wir Rotwein und der Diakon und ich spielen dann Schach, wobei ich ihn das dritte Spiel gewinnen lasse, weil er sich sichtlich ärgert, die ersten zwei verloren zu haben. Dann geht es wieder in den Gottesdienst und ich sage, daß ich danach in die Kaserne muß. Das ist zwar nicht wahr, aber der Diakon ist mir zu anstrengend für einen ganzen Tag. Mir gefällt auch nicht, wie er mit seiner Frau und dem Kind umspringt. Als das Mädchen mittags am Tisch gekleckert hat, da hat er es furchtbar angeschrien und seiner Frau war anzumerken, daß sie sich nicht traute, das Kind in Schutz zu nehmen. Und in ihrem Blick kann ich sehen, daß sie sich schämt wegen ihres Mannes.

In den kommenden Wochen bin ich häufig dort im Gottesdienst und auch öfters bei dem Diakon eingeladen. Trotzdem bleibt er mir fremd, denn sein tyrannisches Wesen macht es mir unmöglich, freundschaftlich mit ihm zu verkehren. Wir spielen Schach miteinander, reden auch das Eine oder Andere, meist jedoch Unverfängliches und ich hüte mich, ihm von meinen Problemen mit unserem Glauben zu erzählen. Er ist ein Hundertprozentiger, einer, für den es keinen Zweifel gibt und der auch keinen Zweifel duldet. Seine arrogante Art, sich über alle Nichtapostolischen zu stellen und auch noch so zu tun, als würde er sie wirklich bedauern, weil sie "es ja nicht besser wissen", während er sie in Wirklichkeit über sie triumphiert, ist mir zuwider. Immer drängender stellt sich mir die Frage, ob das, was mir da seit meiner Kindheit eingeimpft worden ist, wirklich wahr ist. Und während die eine Seite meines Ich's immer wieder zu der Schlußfolgerung kommt, daß es so ganz bestimmt nicht sein kann, erstarrt die andere Seite aus Angst vor den Folgen eines solchen Denkens.

Das permanente Zusammensein mit anderen Menschen in der Kaserne Tag und Nacht und der damit verbundenen Kameradschaft macht es mir immer schwerer daran zu glauben, "auserwählt" zu sein, mich für "etwas besseres" zu halten. Es will mir einfach nicht in den Kopf, daß sich deren Schicksal von dem meinen derart gravierend unterscheiden soll und zwar nur deshalb, weil Gott das aus unerfindlichen Gründen einmal so festgelegt haben soll. Es ist nicht gerecht, sage ich mir immer wieder. Warum ist Gott ungerecht? Kann Gott eigentlich ungerecht sein? Wer gibt ihm das Recht, ungerecht zu sein? Wer fordert von ihm Rechenschaft für Ungerechtigkeit? Wenn Gott die höchste Instanz ist, kann sie dann menschliche Fehler haben? Kann sie dann ungerecht sein? Oder ist Gott gar nicht der liebe Gott, für den wir ihn halten? Ist er vielleicht ein grausamer, ein böser Gott, der sich einen Spaß daraus macht, die Menschen zu quälen? Oder ist er nur gleichgültig, so gleichgültig wie unsere Gesellschaft, die zuschaut, wie jedes Jahr unzählige Menschen verhungern oder an Seuchen elend krepieren? Sind wir Menschen tatsächlich das Ebenbild Gottes? Erschreckend!

In den Gottesdienst gehe ich nun seltener. Das ist kein Problem, weil ich Wochenend-, Spät- oder Nachtdienst als Ausrede verwenden kann. Einige Male besuche ich Maria, die Frau des Diakons, wenn er Nachtschicht hat. Sie sagt nicht sehr viel über sich, doch es ist erkennbar, daß sie nicht glücklich ist und sich über meine Besuche freut. Wir reden über alles Mögliche und gerne erzählt sie mir von Italien, dem Leben dort und den Menschen. Irgendwann erfahre ich auch, daß sie nur neuapostolisch geworden ist, weil sie ein Kind von ihm erwartet hat und er sie sonst nicht geheiratet hätte. Als ich ihr von meinen Zweifeln an der Kirche erzähle wird sie sehr eindringlich und sagt mir, ich hätte doch im Gegensatz zu ihr immer noch die Möglichkeit, mich frei zu entscheiden. "Bei uns daheim", sagt sie, "da waren wir zwar katholisch, aber viel lustiger. Bei Euch ist doch immer Endzeitstimmung."

Der Diakon erfährt irgendwann von meinen Besuchen und ich gehe nicht mehr zu Maria, obwohl eigentlich nichts dabei ist. Aber ich habe Angst, er könnte Maria etwas antun, weil er so erschreckend zornig werden kann.

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24.08.2011 13:23
#12 RE: Bericht eine Aussteigers! Zitat · antworten

Ich verpflichte mich für zwei Jahre als Zeitsoldat. In der Kaserne fühle ich mich freier als daheim. Außerdem bringt das mehr Geld, als wenn man Wehrpflichtiger ist und mit Abitur hat man im Moment gute Chancen. Nein, ich bin kein Militarist, und schließlich gibt es auch Polizisten und den Bundesgrenzschutz. Warum also keine Soldaten. Außerdem will ich studieren und dafür brauche ich Geld. Ein gebrauchtes Auto, das ich mir kurz danach kaufe, verschafft mir ein Stück mehr Freiheit. Nun braucht mich auch der Diakon nicht mehr zum Gottesdienst abzuholen und mich zu nerven.

***************

Es ist Mittwoch abend. Ich sitze mit Kameraden seit halb sechs im Uffz-Keller und wir spielen Karten. Ein Blick auf die Uhr. Kurz vor halb acht. Verdammt, ich muß in den Gottesdienst. Widerwillig stehe ich auf und verziehe mich unter einem Vorwand. "Eh, wohl 'ne Puppe in der Stadt, Leutnant" lästert der Oberfeld gutmütig. "Wer weiß" grinse ich schwach und gehe zum Auto. "Verdammt, ich will nicht", denke ich, steige ein, starte den Motor und fahre los. Der Posten an der Wache salutiert nach der Ausweiskontrolle und winkt mich durch. Langsam fahre ich Richtung Kirche. "Will ich eigentlich wirklich da hin?" Jäh bremse ich und hinten hupt einer. Ich fahre rechts ran, zünde mir eine Zigarette an und öffne das Seitenfenster. Es ist ein warmer Frühlingsabend, und viele Leute sind unterwegs, lachend, unbeschwert. In mir ein Kampf. "Ich will nicht" schreit die eine Seite, "ich will das nicht mehr!" "Du mußt aber" kommt es von der anderen Seite, "und denk an deine Eltern." Die Elternschreierseite ist stärker und ich fahre wieder los. Die Kirche kommt in Sicht. Ich müßte eigentlich rechts die Einfahrt reinfahren doch ich fahre vorbei und drehe eine Runde um die Kirche. Meine Gefühle, alles in mir ist in Aufruhr. Noch eine Runde, ganz langsam. Ich sehe meine Mitschwestern und Mitbrüder aus ihren Autos aussteigen und zur Kirchentür eilen, schwarze Anzüge, weiße Blusen. Warum tragen sie schwarzweiß? Ist das Gottes Wille? Schwarzweiß ist doch keine Farbe. Farblos. Farblose Gestalten. Farblose Gestalten in einer schwarzweißen Uniform. Ich trage auch eine Uniform, einen olivgrünen Arbeitsanzug, doch den trage ich nun gewissermaßen freiwillig, ist ein Zeichen meiner Zugehörigkeit, hätte das schon längst hinter mir, wenn ich es nicht so gewollt hätte. Es war meine Entscheidung, meine eigene, nicht erzwungen, nicht von Geburt auf erzwungen, nicht ein Leben lang erzwungen. Und in ein paar Monaten trage ich wieder Zivil, gehöre nicht mehr dazu, weil ich es so entschieden habe. Kann ich auch entscheiden, nicht mehr zu schwarzweiß zu gehören? Noch eine Runde. Ja, ich kann das entscheiden, ich will das entscheiden, ich muß das entscheiden. Was will ich? Will ich das weiter mitmachen, in den Gottesdienst gehen, meine Gedanken, meine Bedürfnisse, meine Wünsche verleugnen, nur um der zweifelhaften Hoffnung zu genügen, am Jüngsten Tag dabei zu sein?

"NEIN" sage ich mir, so geht das nicht weiter. Noch eine Runde. "Nein, Schluß mit dieser Scheinheiligkeit, aus und Schluß. Wenn es wirklich einen Gott gibt, der diese Menschen da, die frömmelnd und voller Selbstgerechtigkeit in ihrem Auserwähltheitswahn meinen, etwas Besseres zu sein als der Rest der Menschheit, tatsächlich allen Anderen vorzieht, dann will ich lieber zu denen gehören, die den Kürzeren ziehen. Aber ich habe mir dann wenigstens einen Rest von menschlicher Würde bewahrt."

***************

Ich drehe noch eine Runde und fahre zurück zur Kaserne, um mit den Kameraden noch bis in die Nacht Karten zu spielen. In die Neuapostolische Kirche bin ich nie wieder gegangen.





Ich glaub, ich weiß, wie Dir zumute ist, im Teufelskreis, wo Du gefangen bist!

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