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 Abtrünnig und ausgestoßen - Gottes verlorene Kinder!
Admin Offline




Beiträge: 4.735

09.09.2010 20:52
Aus meinem Leben als neuapostolisches Gotteskind Zitat · antworten



Dokumentation

MARIANNE SCHLUE
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Aus meinem Leben als neuapostolisches Gotteskind
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Rückblickend auf mein Leben steht in mir der Gedanke:

"Und immer wieder spendet Segen die Hand des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland."


Meine Mutter kommt aus der Weltstadt Berlin, genau gesagt: aus Potsdam. Sie ist das Kind aus einem guten, neuapostolischen Elternhaus. Ihr Leben lang war Mutter das, was man „eine Dame aus der Weltstadt“ nennt. Ihre Familie, natürlich auch sie selbst, waren aufrechte, gläubige Gotteskinder und versiegelt von einem „lebenden Apostel“. In ihren neuapostolischen Kreisen pflegten meine Grosseltern in Potsdam den Umgang mit Amtsträgern; selbst Apostel Schmidt verkehrte dort bei Freunden und Bekannten und kam immer wieder einmal vorbei – denn meine Grosseltern konnten Gäste stets gut empfangen und bewirten. Sie hatten ja ein Geschäft in Potsdam. Sie waren wohlhabend. Und den "Herrn in Knechtsgestalt" umsorgten sie besonders gern. Das war eine grosse Ehre für sie.

Meine Mutter war in Berlin an einem Krankenhaus tätig, als sie meinen Vater durch eine Zeitschrift kennenlernte. Dort gab es jüdische Ärzte. Ganz vertraulich, so erzählte mir meine Mutter, bekam sie von diesen Ärzten den vertraulichen Rat, aus der Grosstadt bald fortzuziehen: Es würde einen schrecklichen Krieg geben. Sie rieten ihr auch, erst danach wieder nach Berlin zurückzukehren – doch es kam alles ganz anders! Berlin war zerbombt zum Trümmerhaufen, dann kam die Trennung durch Stacheldraht und Todesstreifen, mit Tretminen und Schüssen auf Zonenflüchtlinge und Mauerbau. Berlin lag da wie eine Insel im gefährlichen Meer. Kalter Krieg! Alles das verhinderten Mutters Rückkehr nach ihrem geliebten Berlin.

Der vertrauliche Rat von den Ärzten bewirkte damals, dass meine Mutter nach Hänigsen bei Hannover zog. Sie wollte dort meinem Vater eine treue Gehilfin sein. Sie wünschte, dessen vier Kindern aus seiner früheren Ehe ein mütterliches Zuhause zu geben. So erblickte ich im November 1941 das Licht der Welt.

Mein Vater war Arbeiter und wirkte in der Neuapostolischen Kirche als Diakon, als meine Mutter zu ihm ins Dorf zog. Vater war stets ein einsatzfreudiges Gotteskind.

Der Gegensatz war gross. In Berlin gab es grosse Chöre in den neuapostolischen Gemeinden. Der Chor im Heidedorf Hänigsen war schwach. In Berlin gab es grosse und eindrucksvolle Kirchen und eine Vielzahl an Glaubensgeschwistern in den Gemeinden. Die Gemeinde im Heidedorf war klein, und der Gottesdienst wurde im Wohnzimmer meiner Eltern gehalten. Zweimal in der Woche. Der kleine Chor probte auch dort und Ämterstunden fanden auch dort statt. Das engte unser Familienleben oft stark ein.In Berlin wurde das Singen der neuapostolischen Chöre in den Zeitungen veröffentlicht. Das war eine eindrucksvolle Sache! In Hänigsen gab es das nicht. In Berlin gab es neuapostolische Sängerfeste und grosse Gemeindeausflüge. Im Heidedorf meiner Eltern kannte man das nicht. Ja, es gab sogar vor dem zweiten Weltkrieg in Berlin eine Neuapostolische Witwen- und Waisenkasse. Auch meine Mutter hatte damals in diese Kasse eingezahlt. Doch wo die wohl geblieben ist mit all dem einbezahlten Geld? Ich habe nie mehr davon gehört.

Mein Vater konnte mit dem Stadtleben, das meine Mutter verkörperte und im Heidedorf vermitteln wollte, nur schlecht umgehen. Auch ihr Versuch, in dem Heidedorf eine "bessere Kultur" der Städterin einzuführen, misslang. Mutter kam bei Vater damit schlecht an.

Mein Vater war einsatzfreudig und vom neuapostolischen Glauben tief überzeugt und gänzlich durchdrungen. Mutter war seine ihn stützende, stille Gehilfin. So wurde schliesslich mein Vater durch Apostel Knigge zum Vorsteher über die kleine neuapostolische Gemeinde im Heidedorf Hänigsen gesetzt. Vater war bei allen Glaubensgeschwistern beliebt.

Oft kamen in meine Familie Priester aus Hannover oder auch der Bischof Ernst oder Apostel Knigge. Alle diese Segensträger wurden von meinen Eltern herzlich aufgenommen. Sie wurden reichlich bewirtet, denn es war ja "der Herr in Knechtsgestalt" bei ihnen eingekehrt. Oft blieben die Amtsträger und auch der Apostel über Nacht bei uns, damit sie in der Umgebung Glaubensgeschwister besuchen oder mit Leuten Glaubensgespräche führen konnten, um sie in die Neuapostolische Kirche einzuladen. Solche Weinbergsarbeit wurde intensiv betrieben.

1945 kamen Flüchtlinge aus Ostpreussen in mein Heimatdorf bei Hannover. Dadurch wuchs die Gemeinde beträchtlich. Wir hatten schliesslich ungefähr 100 Glaubensgeschwister in unserer Kirchengemeinde. Natürlich haben meine Eltern auch neuapostolische Flüchtlinge bei sich im Haus aufgenommen. Das war keine Frage.

Als Vorsteher hatte mein Vater kein Auto. Ein Auto war unerschwinglich für ihn. Darum legte er nach seiner Tagesarbeit alle Wege für seine "Arbeit für den Herrn" mit dem Fahrrad zurück. Kein Wetter hielt ihn dabei auf. Oft gingen seine Wege weit über Land, um Gottesdienste zu halten. Kranke besuchte er und Familien von Glaubensgeschwistern. Er suchte nach Seelen und lud sie in die Gottesdienste ein. Meist schliefen wir schon, wenn Vater sehr spät nach Hause kam.

Weil Vater eine sehr robuste Gesundheit hatte, konnte er am Arbeitsplatz seinen Aufgaben gerecht werden und auch seine Arbeit für die Neuapostolische Kirche zur Zufriedenheit aller erledigen. Das machte ihn sehr beliebt. Die Doppelbelastung schien ihn nicht zu drücken. Er tat alles gern für den Herrn und den lebenden Apostel. Doch für seine Familie fehlte ihm die Zeit. Wir vermissten Vater oft.

Ein ganz einschneidendes Erlebnis in unserer Familie war, als meine Halbschwester von einem "Weltmenschen" ein Kind erwartete. Von einem Mann der "Welt". Unehelich! Die Seelsorge der Amtsträger half meiner Schwester nicht viel. Ihre Seelsorge belastete sie eher. Mein Vater schimpfte und war "aus dem Häuschen". Solches musste in seiner Familie passieren! Das durch neuapostolische Seelsorge erzeugte schlechte Gewissen liess meine Halbschwester schliesslich einen missglückten Suizidversuch unternehmen. Das verschlimmerte alles noch viel mehr.

Ein unerwünschtes Kind von einem "Weltmenschen"!? Ein Selbstmordversuch gar!! Das viele Gerede und Getuschel in der neuapostolischen Gemeinde! Es trübte das Bild. Das darf nicht sein in einer neuapostolischen Vorsteherfamilie. So verkündete schliesslich 1953 der Bischof Ernst aus Hannover den Glaubensgeschwistern, dass mein Vater als Priester und Vorsteher der Neuapostolischen Gemeinde Hänigsen von allen kirchlichen Aufgaben entbunden sei. – Mein Vater trug daran schwer.

Es ging ein Riss durch meine Familie. Meine Mutter – ein Stadtmensch, weltoffen, aus Berlin, die darum in dem Heidedorf „etwas Besonderes“ darstellte, die manches anders sah. Mein Vater – ein Arbeiter aus dem Heidedorf, bodenständig und bieder. Meine Mutter – die Stiefmutter. Meine Geschwister – die Stiefkinder. Ich – ihr leibliches Kind. Und nun noch das ungewollte Kind meiner Halbschwester, der Suizidversuch, die Amtsenthebung, der Prestigeverlust. Das brachte den Kessel zum Sieden.

Vater verkraftete die Amtsenthebung nie so recht. Sein Ich hatte dadurch gelitten. Er wurde darüber mürrisch, neigte zu heftigen Zornausbrüchen. Meine Mutter war nur "die zweite Frau", nur die "Stiefmutter", das machte ihre Stellung zunehmend schwer. Meine Halbgeschwister akzeptierten Mutter mit dem Älterwerden immer weniger. Das verschärfte viel. Meine Mutter wurde mehr und mehr die Ungeliebte, der "Blitzableiter" in dieser spannungsgeladenen Grossfamilie. Es wurde seit der Amtsenthebung oft mit Mutter gezankt. Ihr wurde vorgeworfen, vieles falsch zu machen. Schuld wurde ihr angelastet. Wut wurde an ihr ausgelassen. Worte verletzten sie sehr und tief. Man wollte sie loshaben, man wollte sie sogar zurückschicken in das zerbombte Berlin. Mutter litt stumm. Ihre Ehe war im Grunde gebrochen. Die Kirchengemeinde und die Amtsträger erfuhren nichts von ihrem harten Leidensweg. Als Neuapostolische hatte sie das "Stillesein", das "Kreuztragen" und Ducken gelernt.

Vater und meine Halbschwestern gingen treu in die Gottesdienste und stets zum Abendmahl mit Sündenvergebung – doch daheim gingen ihre harten Angriffe gegen Mutter weiter. Gnadenlos. Das machte mich zunehmend kritisch. Ich war damals erst dreizehn.

Mutter weinte sich bei mir aus. Mutter seufzte oft bei mir, wenn ihr viel Unrecht mit schneidenden Worten getan war. Ich war ihr Zuhörer und Trost bei allen ihr zugefügten Seelenhärten und Verletzungen. Aber es war damals auch mein erster innerer Bruch mit der Neuapostolischen Kirche und diesen frommen Menschen, die doch so böse sein konnten mit Worten. Sie schlugen meine Mutter fast mit der Zunge tot. Und je älter ich wurde, je mehr ich erlebte, desto empfindlicher wurde ich für Ereignisse bei den Neuapostolischen.

Zwei Flüchtlingsfamilien, treue neuapostolische Gotteskinder aus Ostpreussen, sie liessen keinen Gottesdienst aus, wurden durch die Heirat von meinen beiden Halbschwestern zu unseren Verwandten. Sie schlugen sich bald auf die Seite meines Vaters und meiner Schwestern. Der Druck auf meine Mutter nahm dadurch ganz erheblich zu. Sie erlitt die Hölle, so viele böse Stiche musste Mutter erdulden. Ihr Glaubensweg war ein Weg heisser Tränen.

Dann ging ich in Hannover zur Schule. Später hatte ich dort sogar einen Arbeitsplatz bei der Regierung in der Landesbesoldungskasse. Ich berechnete dort Gehälter. So kam ich dort mit sehr hohen Beamten in Kontakt. Einer war Senator. Für ihn arbeitete ich gelegentlich ehrenamtlich, zusätzlich zu meinem Beruf und der jahrelangen Pflege meiner kranken Mutter. Dessen Sohn war katholischer Priester. Dort kam ich aber auch mit einem evangelischen Pfarrer ins Gespräch. Beide Priester konnten mir als Seelsorger manchen guten Beistand geben in meiner bedrängten Lage. Beide Priester erkannten und äusserten es auch, dass die Neuapostolische Kirche durch ihre Amtsträger mit mir nur spielt, weil ich mich nicht genug wehre. Beide halfen mir aber auch, meinen Lebensweg zu finden.

Meine Lebenswegfindung veränderte mich etwas. Ich wurde langsam abweisend gegenüber der Neuapostolischen Kirche und deren Lehre. Das bemerkten die Amtsträger. Sie drückten mich mit Worten, sie erdreisteten sich sogar, mich direkt im Gottesdienst in ihrer Predigt vom Altar anzusprechen. Das geschah zwar ohne Namensnennung, doch die deutlichen Predigtworte, das sollte "Gottes Wort" sein, aus dem Heiligen Geist gewirktes Wort, zielten genau auf mich. Ich merkte das sehr wohl. Ich empfand das Spiel mit solcher Predigt als sehr verletzend. Mir scheint, dass damit sogar gegen das Grundgesetz verstossen wurde. Das besagt: Der Mensch ist in seiner Würde unantastbar.

Meine Arbeit in Hannover war der willkommene Anlass für meine Mutter, mit Vater aus dem Heidedorf nach Hannover in die Stadt zu ziehen. 1957 war das. Doch kurz darauf erkrankten beide Eltern. Ich musste sie pflegen. Vater ging es bald besser, doch Mutter hat sich nur schwer erholt. Viele Jahre litt sie unter Magengeschwüren, die anfänglich für Krebs gehalten wurden. Durch ihr schweres Erdulden als Gotteskind – neuapostolische Gotteskinder üben sich im Stillesein und Kreuztragen – war Mutter nervlich sehr angeschlagen, sehr depressiv und oft tottraurig. Zwar besuchte uns immer wieder der Hauspriester aus der neuapostolischen Gemeinde und brachte auch hin und wieder die Hostie zum Abendmahl mit, doch als Seelsorger wusste er keinen Rat. Er war keine seelische Stütze und Hilfe. Seine Worte klangen platt.

Weil Mutter seelisch und nervlich sehr angeschlagen war und oft in einem depressiven Stimmungstief durch all das Erlittene, wollte mein Vater, wollte der Hauspriester sie in eine Nervenklinik geben. Auch meine Halbgeschwister befürworteten das. Meine Mutter als "verrückt" abgestempelt? Sollte Mutter abgeschoben werden, weil sie belastend, weil sie lästig geworden war? Dagegen wehrte ich mich ganz energisch.

Ich übernahm also neben meiner beruflichen Arbeit auch noch die Pflege meiner Mutter. Das zerriss mich fast und ging schliesslich über meine Kräfte. Meine Gesundheit litt dabei. Auch ich brauchte Hilfe. So wendete ich mich deshalb an den Jugendleiter, meinen "Segensträger" in meiner neuapostolischen Kirchengemeinde in Hannover. – Sein Rat: "Geben Sie doch Ihren Beruf auf!" Das tat ich natürlich nicht. Wovon sollte ich denn leben? Durch mein Nichtbefolgen hatte ich den Rat des neuapostolischen "Segensgefässes" nicht befolgt. Ich galt nun als "ungehorsam", als "aufsässig". Ich wurde behandelt als "eine, die wider göttlichen Rat" stand. – Nach fünf Jahren schwerer Pflege hatte ich es geschafft. Mutter ging es wieder gut. Aber die Jugendstunden in meiner neuapostolischen Gemeinde konnte ich kaum besuchen wegen der Krankenpflege. Ich wurde auch darum "schief" angesehen. Die Amtsträger mochten mir auch nicht zugestehen, dass ich als Frau so viel geleistet hatte.

1960 starb unser geliebter Stammapostel Johann Gottfried Bischoff. Das war wie ein Donnerschlag! Es knirschte sehr im neuapostolischen Kirchengebälk. Seine in uns Neuapostolische mit aller Strenge eingepaukte "Botschaft", dass Jesus noch in seiner Lebenszeit wiederkäme und nur die „treuen Neuapostolischen“ als seine Braut zu sich in den Himmel entrücken würde, zerplatzte mit seinem Tod wie eine Seifenblase. Seine „Botschaft“ wurde mit seinem Tod zur Pleite für das ganze neuapostolische Gottesvolk. War alles nur ein wirrer Wahn und teuflische Verblendung gewesen oder geschickt aufgebaut: Lug und Trug? Steckte gar eine Taktik dahinter? – Vater war dem Stammapostel und seiner Lehre verfallen. Mutter nahm Bischoffs Tod scheinbar gelassen auf. Ich aber war froh, dass DER tot war, dass das fanatisch gepredigte Weltende nicht gekommen war. ICH WOLLTE LEBEN! Ich habe die Botschaft nie so recht geglaubt. Ich war zu kritisch gemacht worden. Ich sprach das auch gelegentlich aus. Für mich war der Stammapostel Bischoff nur ein alter Mann gewesen, der keinen Durchblick mehr hatte und sich von anderen in die Ohren blasen liess. Aber alle sind ihm gefolgt. Das ist traurig. Ich muss hier immer an die Sage vom Rattenfänger von Hameln denken. Alle sind ihm gefolgt, die seine Pfeife hörten. Alle wurden vom Berg verschluckt. Das ist schon traurig

Manche neuapostolische Gläubige wandten sich nach der Botschafts-Pleite der evangelischen Kirche zu, viele sind einfach weggeblieben, manche in der Neuapostolischen Kirche wurden nur noch fanatischer. Mehr passierte in meiner Gemeinde nicht.

1961 habe ich mich verlobt. 1964 wurde dann geheiratet. Der Vorsteher der Gemeinde Hannover-Ricklingen hatte mir gesagt, dass ich endlich heiraten soll, hatte mir zu einem Glaubensbruder zugeraten, hatte mich damit immer wieder bedrängt. Er wollte mich über die Heirat an seine Gemeinde binden. Sein Auge ruhte auf mir. – Und ich liess mich schliesslich überreden. Das willenlose Gehorchen des neuapostolischen Gotteskindes steckte mir zu tief verwurzelt in der Seele. So heiratete ich also dann weder aus Überzeugung, schon gar nicht aus Liebe. Ich beugte mich endlich einfach gehorsam dem Vorsteher, einem Mann, der unglücklich in seiner Ehe war. Und dann erwies sich mein Mann, erwiesen sich auch seine Eltern als starre Eigenbrötler, als Menschen, die nicht recht eigene Entscheidungen treffen konnten. Sie brauchten immer noch bei allem die Bestätigung durch den Rat ihres Priesters oder Vorstehers, ihrer "Segensgefässe". Sie waren Fanatiker im Glauben und duldeten nur neuapostolisches Denken.

Mein Mann, seine Eltern, aber auch der Vorsteher übten immer wieder Druck auf mich aus. Ich sollte meinen Beruf bei der Landesbesoldungskasse aufgeben. Ich sollte mich weniger um die Pflege meiner alten Eltern kümmern. Es wurde von meinem Mann, von seinen Eltern und vor allem auch vom Vorsteher gefordert, dass meine Eltern fortziehen sollen, damit ich die alten Eltern meines Mannes besser mit versorgen könnte. Damit ich genügend Zeit hätte, um für den Haushalt zu sorgen, um beim Kirchenputzen in Ricklingen mitzuhelfen. Ich fühlte mich ständig unter furchtbarem Druck. Der Vorsteher forderte nur; er forderte aber nicht nur von mir. Seine Fordrungen stellte er auch barsch an alle Gemeindeglieder. Er stellte Forderungen, die vom Aufstehen bis zum Schlafengehen den ganzen Tageslauf und die gesamte Woche des Glaubensschafes umfassten und regelten. Er war wie ein Feldwebel, nur sein Kommando galt, das neuapostolische Gotteskind muss gehorchen, muss sich ducken, das war seine Seelenpflege. Sein Wort war ja von Gott! Die Gemeindeglieder waren seine Rekruten, die er kommandierte, denen er aus "göttlichem Rat" und "Sorge um ihr Seelenheil" gebot. Einfühlsame Geschwisterliebe schien er nicht zu kennen. Doch sein Tod war für alle ein Schock. – Selbstmord. Der Vorsteher stand immer unter dem Erfolgsdruck seines Vaters. Der war Bezirksältester der Neuapostolischen Kirche und wollte Erfolge in der Gemeinde seines Sohnes sehen: Zuwachs, Neumitglieder, mehr Opfergeld. Er wollte gute Meldungen nach oben machen.

Ja, ich behielt meinen Beruf, und das war so gut. Damit konnte ich uns durchbringen, denn mein Mann studierte anfangs noch und machte bald sein Examen. Er hat dann in seinem Beruf Strassen und Brücken konstruiert und gebaut. Es waren Staatsaufträge.

1966 kam mein Sohn Martin zur Welt. Er ist immer mein Sonnenschein, mein lieber Junge, trotz aller schweren Sorgen.

Mein Mann kam ins Amt. Bald erkannte er, auch weil ich kritisch manches mit ihm besprach und er dadurch mehr und mehr von seinem engen Fanatismus abrückte, dass die einfachen Gläubigen in der Neuapostolischen Kirche sehr gegängelt werden und ihnen recht enge Grenzen gesetzt sind. Sie werden durch den "Rat" der Segensträger bevormundet und klein gehalten. Mein Mann sah etwa, dass alte Glaubensgeschwister, die nicht mehr gut gehen konnten, die deshalb an ihre Wohnung gebunden waren, sich kein Buch aus der öffentlichen Bücherei zum Zeitvertreib ausleihen durften. Der Rat des Vorstehers verbot es ihnen, etwas Weltliches zu lesen. Es schien, als ob die alten Geschwister nur Schriften der Neuapostolischen Kirche lesen durften und immer pünktlich und vollzählig zu den Gottesdiensten kommen sollten. Es hiess zu ihnen immer wieder: "Betet und arbeitet für den Herrn. Beugt die Knie und fleht, damit die letzte Seele bald gefunden wird im Weinberg des Herrn. damit der Herr mit seiner Sichel zuschlagen kann." Mein Mann merkte dann auch zunehmend, wie sehr er und seine Eltern vom "Rat der Gottesknechte", so sehen sich ja die Amtsträger, abhängig waren. Schliesslich legte er sein Amt nieder.

Mein Sohn Martin wurde 1972 eingeschult. Zum Beginn der Schulzeit wurde festgestellt, dass Martin ein Autist ist. Er konnte also keine allgemeine Schule besuchen. Das war wieder ein harter Schicksalsschlag für mich! Ich brauchte jetzt seelische Hilfe – doch die bekam ich in der Neuapostolischen Kirche nicht. Die "Seelenhirten" waren immer kalt zu mir. Ihre Worte wirkten auf mich wie einstudierte Floskeln. Sie waren mir kein Trost.

Mein Sohn kam als Autist dann endlich in die Freie Martinsschule, eine Waldorfschule. Heute arbeitet er auf dem dazugehörenden Martinshof. Alle Amtsträger der Kirche rieten mir ab, Martin dorthin zu geben: Wegen der "falschen Lehre" der Anthroposophen! Wegen dem "fremden Geist, der die Seele des Gotteskindes verderben" könnte!! Die Amtsträger waren darum oft böse mit mir. Ich war eine "Eigenmächtige" in ihren Augen!

Mein Martin – ein Autist! Ihm ist die Kontaktaufnahme mit anderen Menschen darum fast nicht möglich. Auch er leidet sehr daran, dass er ganz in sich versunken und vereinsamt lebt. Ich merkte ihm das gut an; und schliesslich, 1996, sein Selbstmordversuch aus Verzweiflung. Er war 30. Ich brauchte in jener bedrängten Lage wieder Trost, seelische Hilfe auch, Beistand, Halt und Verstehen, doch der Vorsteher war am Telefon eiskalt, war zynisch zu mir. Er verletzte mich mit seiner Art ganz tief.

Ein weiterer Schicksalsschlag ereilte mich dann 1972: Mein Mann erkrankte an Bechterew. Das ist ein sehr schmerzhaftes Leiden, bei welchem das Blut zerfällt. Die roten Blutkörperchen werden von den weissen Blutkörpern dabei zerstört; sie werden regelrecht aufgefressen. Bald verstarb daran mein Mann. Er vererbte mir unsere Wohnung, alles Mobiliar, unsere Ersparnisse und sein Auto. Aber um alles musste ich kämpfen, denn meine Halbgeschwister, sie stehen im "rechten Glauben" und gehen fanatisch ihren "Glaubensweg", wollten mir möglichst alles entreissen.

Ach, das Auto, das Auto könnte ich gut gebrauchen, um leichter zu meinem Martin zu kommen. Doch einen Führerschein konnte ich nicht machen. Der Vorsteher riet mir davon immer ab, er riet auch anderen Gemeindemitgliedern ab, und ich gehorchte endlich wieder. Er predigte immer: Wer einen Führerschein und ein eigenes Auto hat, der sei in der grossen Gefahr, durch Vergnügungsfahrten die wichtigen Gottesdienste auf dem Weg zur ewigen Herrlichkeit im Hochzeitssaal zu versäumen. Dadurch erleide der Autofahrer Ewigkeitsschaden an seiner Seele. – Unser Vorsteher hatte selbst kein Auto und keinen Führerschein.

Es kam auch Martins Konfirmationsalter. Mich traf ein erneuter schwerer Schlag. Martin wurde als neuapostolisches Gotteskind nicht konfirmiert. Der Vorsteher sagte hart ablehnend zu mir: "Das geht nicht, weil der behindert ist!" – Ich musste daran schwer schlucken. Mein Martin schien bei diesen neuapostolischen Christen nur "zweite Klasse" zu sein.

Meine Mutter wurde krank. Ärzte konnten ihr nicht mehr viel helfen. Sie magerte darüber immer mehr ab und sah darum erschreckend aus. Deshalb bekam sie fast keinen Besuch mehr von den Amtsträgern der neuapostolischen Gemeinde. Seelsorge: Null. Man liess sie einfach fallen. Schliesslich starb Mutter im Dezember 1981.

Ich schrieb einmal Apostel Burghardt. Er besuchte mich dann zu Hause. Ich erzählte ihm aus meinem Leben. Die Last mit einem behinderten Sohn ist für mich manchmal doch fast zu schwer. Apostel Burghardt entschuldigte sich zwar für das, was ich in der Neuapostolischen Kirche erlitten hatte. Doch was ändern seine Worte an dem vielen zugefügten Leid? Sie klangen für mich nach allem einfach leer. Mein Eindruck ist: Neuapostolische Entschuldigungen sind bedeutungslos. Sie sind wie der Wind, den man nicht fassen kann. Ein Vorsteher sagte einmal einem Aussteiger: "Ich entschuldige mich dann eben, auch wenn ich nicht weiss, warum." Und dafür, dass mein Martin nicht konfirmiert wurde, hatte Apostel Burghardt keine Begründung.

Doch auch ich wurde schwach. Auch ich konnte einmal nicht mehr weitertragen: Ich unternahm einen Suizidversuch. – Ein erstklassiger Therapeut half mir dann weiter. Die Therapie dauerte jahrelang.

In meiner Zeit als neuapostolisches Gotteskind erlebte ich eine Welt voll vieler Verbote, eine Welt der frommen Fassaden und leeren Worte, ich erlebte aber auch manche merkwürdigen Gegensätze. Selbst Weiterbildung, Bausparverträge und Versicherungen erlebte ich als "nicht erwünscht". – Mir scheint, es gibt in der Neuapostolischen Kirche aber auch eine andere, eine bessere Kaste: Andere neuapostolische Glieder kamen zum Millionenvermögen, andere bauten Fabriken auf oder gut gehende Versicherungsbüros mit Anlageberatung in Vermögenswerten, sie leben wie "Weltmenschen" und werden nicht auf neuapostolischen Kurs gebracht, ihnen werden keine Vorschriften gemacht, sie geniessen Freiheiten, die beim kleinen Glied an der Basis nicht geduldet werden, sie dürfen sogar ihre Kinder anthroposophisch erziehen lassen an Waldorfschulen.

Immer wieder predigte man auch mir in den Gottesdiensten vom grossen Segen, den wir Gotteskinder erhalten werden. Welchen Segen bekam ich?

Heute habe ich nur noch eine Sorge: Meinem Martin soll es gut gehen.

Heute bin ich krank durch alles Erlebte: Kopfschmerz-Attacken, Hörsturz, Magengeschwüre und noch viel mehr lasten auf mir.

Mein Gottesbild entspricht nicht mehr dem harten neuapostolischen Gott, den seine kalten "lebenden Apostel" predigen. Mein Gott ist liebevoll und gnädig und rät mir:

"Üb' immer Treu und Redlichkeit
bis an dein kühles Grab,
und weiche keinen Fingerbreit
von Gottes Wegen ab."




Ja, so klingt auch das Glockenspiel an der Garnisonskirche in Potsdam!

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Zur freundlichen Erinnerung an die eigene Jugendzeit:
http://www.youtube.com/watch?v=woYM-UOR5w0
http://www.youtube.com/watch?v=fm72UzfrT...08414579957FC05
Zwischen diesen beiden Videos kann ich keine Brücke schlagen.
Und nun das: => http://schlabatti.bplaced.net/Erntedank2012-Schneider.mp3
Fazit: Man hat mich total verarscht.

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